Die Lern-Challenge. Oder: Warum Digitalisierung nicht delegierbar ist

Fachwissen verändert sich in immer kürzeren Zyklen, die Halbwertszeit einmal gewonnenen Wissens verkürzt sich rapide. Dieses Wissen muss in immer neuen und sich verändernden Lern- und Arbeitssituationen eingesetzt und „situativ“ reflektiert werden (können). Struktu- rierte Datenbestände in netzgestützten Fach-Communitys ermöglichen die schnelle und ziel- gerichtete Suche nach Informationen, die für die Ausführung der Facharbeit benötigt werden.

Diese Beschreibung aus dem „Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2013“ des Bundes- instituts für Berufsbildung trifft auch auf die am besten ausgebildeten Fachkräfte im Gesund- heitssystem zu. Selbst akademisches Wissen ist betroffen. Und auch für das ausgefeilte Portfolio eines Gesundheitsdienstleisters sind das schlechte Nachrichten, denn „empirische, branchen- übergreifende Untersuchungen stellen kontinuierliche Verkürzungen der Produktlebenszyklen und die Abnahme des durchschnittlichen Produktalters in den zurückliegenden Jahrzehnten fest“ (Castiglioni 1994). In der Industrie wurde dies schon vor vielen Jahren nachgewiesen. Siemens realisierte 1975 mit Produkten, die weniger als sechs Jahre alt waren, rund 40% des Umsatzes, zehn Jahre später waren es bereits 56%. Strategien werden kopierbar, Organisationen vergleichbar, menschliche Leistungen austausch- oder von Algorithmen ablösbar.

Schnelle Informationsverfügbarkeit und Omnipräsenz dieses Fundus im Web sorgen für eine abermalig beschleunigte Wissensentwertung. Parallel dazu verdoppelt sich das verfügbare Wissen in immer kürzeren Zyklen.

Gilt das ökologische Gesetz des Lernens auch für Organisationen, überlebt also eine Spezies nur dann, wenn ihre eigene Lerngeschwindigkeit mindestens so groß ist wie die Änderungs- geschwindigkeit ihrer Umwelt, dann genügt es für ein Überleben im Wettbewerb nicht mehr, neue Inhalte besser zu lernen als die Konkurrenz. Es kommt auf die Lerngeschwindigkeit an (Simon et al. 2000).

Und die wird, wie ein Blick auf die kurze Geschichte der industriellen Revolutionen nahe- legt, alsbald rasant zulegen müssen. Das Muster ist unzweideutig.

Beschleunigungsmuster prädigitaler Revolutionen

Die industriellen Revolutionen der vergangenen 200 Jahre lassen Parallelen sowohl der tech- nologischen und zivilisatorischen Wirkungen als auch in zeitlicher Hinsicht erkennen: Stets veränderte eine disruptive Innovation das Kräfteverhältnis der bestehenden Produktionsfakto- ren zulasten der individuellen Arbeitskraft und zugunsten des Faktors Kapital. Die Gesellschaft reagierte darauf stets mit mehr oder minder umfangreichen sozialstaatlichen und wettbewerbs- rechtlichen Reformen. Die Abstände zwischen den Revolutionen wurden indes immer kürzer, was auch den zeitlichen Rahmen für reformpolitische Maßnahmen sukzessive einengte.

  • ƒ  In der 1. industriellen Revolution, ausgelöst von der Erfindung des mechanischen Webstuhls 1784, sorgten mit Wasser- und später Dampfkraft angetriebene mechanische Produktions- anlagen für einen gewaltigen Produktivitätsschub. Mit einigem zeitlichen Abstand gründeten sich Arbeitervereine und schließlich Gewerkschaften, um der Abwertung von Arbeit etwas entgegensetzen zu können.
  • ƒ  120 Jahre später setzte die 2. industrielle Revolution ein. Das erste Fließband, die Schlacht- höfe von Cincinnati sind Zeugnisse für die arbeitsteilige Massenproduktion mithilfe elektri- scher Energie. Die Gründung des Sozialstaats – vor allem in Europa – war eine Konsequenz dieser beschleunigten Entwertung des Faktors Arbeit. In Deutschland entwickelte Otto von Bismarck die Krankenkassen, die gesetzliche Unfall- sowie Invaliden- und Rentenversiche- rung. In den USA erlebte das Wettbewerbsrecht mit dem Verbot der offenen Monopolbil- dung zum Schutze der Verbraucher sowie der Interstate Commerce Commission zur Kon- trolle der Eisenbahnen und Ölleitungen 1887 eine erste Blütezeit.
  • ƒ  Es dauerte lediglich 60 weitere Jahre bis zur großen Automatisierungswelle der 3. industriel- len Revolution. Seit Ende den 1970er-Jahre reagieren Maschinen auf die Ansteuerung pro- grammierter Speicher. Diese Verknüpfung von IT und Elektronik leitete die Digitalisierung ein, deren Nachbeben wir aktuell zu bewältigen haben; und sie erwies sich als Triebkraft der internationalen Arbeitsteilung. Beschleunigung auf Mach 3. Da Politik nach wie vor national ausgerichtet ist, Wirtschaft aber global agiert, ist gegen die Entwertung des Produktionsfaktors Arbeit insbesondere in den westlichen Wohlfahrtsstaaten noch kein Mittel gefunden worden.

Statusquo 2018

Die 3. industrielle Revolution tritt in die finale Phase. Das Internet hat sich als Leitmedium der digitalen Wissensgesellschaft etabliert. Inzwischen dominiert die Überführung digitaler Ideen in neue Geschäftsmodelle die wirtschaftlichen Überlegungen.

Mit dem Internet haben sich neue Machtverhältnisse entwickelt. Allen voran die Big Four aus den USA nehmen globale Märkte unter Kontrolle. Google, Apple, Facebook und Amazon marschieren an den Staatslenkern vorbei und manifestieren ein eigenes Rechts- und Betriebs- system mit wachsweichen Geschäftsbedingungen und Datenschutzbestimmungen. „Selbst ge- gen Ende der Industrialisierung, als in den USA große und schnell wachsende Konzerne wie Carnegie und Rockefeller entstehen, reagiert der Staat ziemlich schnell, indem er das Wettbe- werbsrecht verschärft. Im Gegensatz dazu gibt es für die Tech-Riesen aus dem Silicon Valley heute keinerlei Regulierung“, mahnt der Stanford-Historiker Niall Ferguson Ende 2017 in einem Interview mit der „Zeit“ (2017). Es gelte einzig und allein das Prinzip, dass der Gewin- ner alles erhält. „So haben ein paar Unternehmen eine Monopolstellung erreicht, die ihnen unvergleichliche Dominanz verschafft. Google als Suchmaschine, Amazon im E-Commerce, Facebook unter den sozialen Netzwerken – und jeder, der von Wettbewerbsrecht spricht, wird ausgelacht.“

Während die Digitalisierung die Abwertung von Humankapital weiter beschleunigt, kommt es zu einer ungekannten Anhäufung von Kapital in den Händen weniger Plattformbetreiber. Sozial- und wirtschaftspolitische Antworten lassen weiter auf sich warten. So gibt es bis dato noch keine global gültigen ethischen Standards für Unternehmen, kein gemeinsames Verständ- nis von Kartellrecht, kein Abkommen zur Mindestbesteuerung von Unternehmen, keine ab- gestimmte Industriepolitik, keinen wirksamen Schutz von geistigem Eigentum, kein Rezept gegen das Verschwinden des privaten Eigentums für einen Großteil der Bevölkerung in westli- chen Gesellschaften, keine Regelung zu Data Property.

Mach 3 ist erheblich zu schnell für die Nationalstaaten. Das Innovationstempo generell und einzelne Firmen wie die Big Four im Speziellen sind inzwischen finanziell zu stark munitioniert, um auf eine demokratische Meinungsbildung oder gar internationalen Konsens zu warten. Politik wird die Weichen nicht alleine stellen können. Jeder ist selbst (mit-)verantwortlich. Eigenverantwortung wird wichtiger als je zuvor.

Auszug aus dem Buch Revolutionary Hospital